Azubi-Recruiting Trends 2017 – der Weg wird steiniger

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Ein Großteil der Azubi-Bewerber hat heute die Wahl zwischen verschiedenen Ausbildungsplatz-Angeboten. Die Unternehmen haben sich noch nicht auf die neue Situation eingestellt. Das zeigt die aktuelle Studie „Azubi-Recruiting Trends 2017“.

Um Talente binden und entwickeln zu können, müssen Unternehmen erst mal ausreichend gute Talente finden. Das wird in der dualen Berufsausbildung zunehmend schwieriger. Immer häufiger haben die Bewerber die Wahl. So hatten 61 % der befragten Jugendlichen mehr als ein Ausbildungsangebot. Für Unternehmen heißt das, dass sie in 61 % der Fälle Konkurrenz haben und in 61 % der Fälle besser sein sollten als die Mitbewerber. Um besser sein zu können, sollten die Unternehmen wissen, was die jungen Menschen sich von den Unternehmen und der Ausbildung wünschen. Dieser Frage gehen wir jedes Jahr in der doppelperspektivischen Studie Azubi-Recruiting Trends nach – mit immer wieder spannenden Ergebnissen. 2017 haben 2.635 Azubi-Bewerber und Auszubildende, 903 Ausbildungsverantwortliche und 150 Eltern teilgenommen. Wissenschaftlich betreut wird die Studie von Herrn Professor Christoph Beck.

Der Ausbildungsmarkt ist gespalten. Einerseits fallen zahlreiche Bewerberinnen und Bewerber durch das Raster der Ausbildungsbetriebe, weil ihre schulischen Leistungen nicht zu den Anforderungen der Unternehmen passen. Andererseits ist für einen großen Teil die Bewerbung zum Home Run geworden.

So schreiben heute 46,4 % der Azubi-Bewerber weniger als sechs Bewerbungen, über 60 % erhalten mehr als ein Ausbildungsplatzangebot. Die in den einzelnen Phasen des Bewerbungsprozesses gezeigte Verbindlichkeit der Kandidaten wird geringer. Aktuell erscheinen über 23 % der eingeladenen Bewerber nicht zum Vorstellungsgespräch. Jeder zehnte Azubi tritt die Ausbildung nicht an, obwohl er einen Vertrag unterschrieben hat. Dazu tragen die langen Bewerbungsfristen bei: 54,8 % der Betriebe starten die Ausschreibung ihrer Ausbildungsplätze neun Monate vor Ausbildungsbeginn oder noch früher. Angesichts von Alternativen und des langen Vorlaufs kommt der ein oder andere da ins Wanken.

Passen Bewerberkommunikation und Auswahlprozesse noch zu dieser Lage? Unternehmen beschweren sich, dass Bewerber einfach nicht erscheinen. Umgekehrt verhalten sie sich leider nicht anders. So gaben 45,4 % der Befragten an, dass sie auf ihre Bewerbung keine Rückmeldung erhalten haben.

Auch wenn der Markt enger wird, so sind Betriebe immer noch groß darin, hohe und zum Teil unpassende Anforderungen in Stellenanzeigen zu stellen. Allerdings nehmen sie diese dann selber nicht so richtig ernst.

Bei 61,4 % der befragten Betriebe müssen „nicht alle“ Anforderungen erfüllt sein, damit sie eine Bewerbung berücksichtigen. Azubis nehmen die in den Profilen beschriebenen Kriterien genauer: 19,1 % bewerben sich nur, wenn sie alle Anforderungen erfüllen, 29,7 % bewerben sich, wenn sie vier von fünf Anforderungen erfüllen. Das heißt, dass einem großen Teil der Ausbildungsbetriebe derzeit sehr viele potenzielle Bewerber nur auf Grund überzogener Anforderungen verloren gehen . An sich sollten sich Betriebe die Frage stellen, ob klassische Anforderungsprofile noch zeitgemäß sind – und sich von Azubi-Wunschbildern wie dem ‚Fachinformatiker mit guten Deutschnoten‘ verabschieden. Eine gute Note in Deutsch sagt weder etwas über die Kommunikationsfähigkeit des Bewerbers aus, noch darüber, ob er die deutsche Sprache in Wort und Schrift beherrscht. Sie gibt einzig und alleine darüber Auskunft, ob der Bewerber den literarischen Interpretationsgeschmack seines Deutschlehrers getroffen hat. Und diese Wahrscheinlichkeit ist bei Nachwuchs-Nerds nicht besonders hoch.

Punkten könnten Ausbildungsbetriebe vor allem mit Gelegenheiten zum persönlichen Kontakt. 74,5 % der Azubis finden Praktika „wichtig“ oder „sehr wichtig“, bei Probearbeiten sind es 71,1 %. Dagegen setzen nur 50,8 % der Ausbildungsbetriebe Praktika „sehr häufig“ oder „häufig“ ein, Probearbeiten bieten nur 30,8 % der Ausbildungsbetriebe an. Überzeugt wird also offline, worauf die Tatsache hinweist, dass „die gute Atmosphäre“ im Bewerbungsgespräch für 53,8 % der Azubis den „letzten Kick“ für die Wahl des Ausbildungsbetriebs gibt. Online informieren sich die Azubis vor allem per Suchmaschine (59,4 % nutzen sie „häufig“ oder „sehr häufig”) oder über die Karrierewebsite (54,8 %). Weit abgeschlagen sind, wie in den Vorjahren, Social Media-Kanäle wie Snapchat oder Youtube (22,7 %).

Auf Platz drei der Faktoren, die zu einer positiven Entscheidung der Bewerber führen, liegt die Schnelligkeit der Entscheidung. In einer Gesellschaft schneller Kommunikation über WhatsApp oder E-Mail können es sich Unternehmen nicht mehr leisten, den Bewerber monatelang hinzuhalten.

Die Hypothese, man könne die „Generation Snapchat“ vor allem auf Snapchat für die duale Ausbildung gewinnen, stellt also eine allzu einfache Ableitung dar. Als ebenso falsch erweist sich die weit verbreitete Annahme, Azubis und ihre Smartphones seien untrennbar miteinander verbunden. 61,9 % der Azubis ist es egal, ob sie ihr privates Smartphone während der Arbeit benutzen dürfen, und 71,2 % geben Ausbildungsbetrieben keine Pluspunkte, die ihnen ein mobiles Endgerät spendieren. Aus der 2016er-Studie wissen wir, dass Azubi-Bewerber in dieser Hinsicht sinnvolle Zusatzausbildungen bevorzugen.

Wenn Sie noch mehr Spannendes über die Gewinnung der jungen Talente erfahren wollen, können Sie die Ergebnisse der Studie unter www.testsysteme.de/studie für 10,00 Euro erwerben. Der Erlös der Studie kommt den Bergischen Ausbildungspaten zugute, die jungen Menschen mit Startschwierigkeiten auf dem Weg in die Ausbildung begleiten.

Die Autorin

Felicia Ullrich ist geschäftsführende Gesellschafterin u-form Testsysteme.  Die zertifizierte Trainerin beschäftigt sich seit 15 Jahren intensiv mit den Themen Azubi-Marketing und Azubi-Recruiting und verlegt zusammen mit Herrn Professor Christoph Beck die größte doppelperspektivische Studie „Azubi-Recruiting Trends“.

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